Sichtbarkeit und Sichtbarmachung

Es ist ein Missverhältnis zu beobachten zwischen dem, was wir zu wissen glauben und dem was ist. Das ist allgemein bekannt und führt zu dem Drang, der Wissenschaft genannt wird.

Kommunikationswissenschaftler*innen in der angewandten Psychologie, der Organisationsentwicklung und in der Pädagogik benutzen als Bild gerne seit Freud das des Eisbergs, dessen größter Teil unter der Wasseroberfläche schwimmt und dessen kleinerer Teil, „die Spitze des Eisbergs“, zu sehen ist. Die größten Gefahren gehen natürlich von dem Teil des Eisbergs aus, den wir nicht sehen.

Dieser Teil wird gerne als das Unbewusste oder/und das Unterbewusste, gerne als Geheimnis, intrinsische – innerhalb der Persönlichkeit existierende – Motivation gesehen. So gibt es eine lange Tradition des „Hineingeheimnissens“ in die Welt, die seit Kant versucht, dem verborgenen „Ding an sich“ auf die Spur zu kommen. Wie bei allen guten Stories ist es genau dieses Geheimnisvolle (Hitchkock), das „Loch in der Wahrheit“ (Lacan), die verbotene Tür (Ritter Blaubart), worauf sich das Begehren richtet, was Suspense, Spannung erzeugt.

Das aber hat Folgen für die Erkenntnis. Allzuschnell halten Menschen die Ausnahme für die Regel, das Besondere für das Allgemeine, die Katastrophe für den Alltag, oder wie oft bei Partnerschaften, das Andere für interessanter als das Gewohnte. Das ist auch die Basis für Verschwörungstheorien.

„In einer schlechten Pflanze, einer schlechten Tiergattung, einem verächtlichen Menschen, einem schlechten Staate sind Seiten der Existenz mangelhaft oder ganz obliteriert, welche sonst für die Definition als das Unterscheidende und die wesentliche Bestimmtheit in der Existenz eines solchen Konkreten genommen werden konnten. Eine schlechte Pflanze, Tier usf. bleibt aber immer noch eine Pflanze, Tier usf. Soll daher auch das Schlechte in die Definition aufgenommen sein, so entgehen dem empirischen Herumsuchen alle Eigenschaften, welche es als wesentlich ansehen wollte, durch die Instanzen von Mißgeburten, denen dieselben fehlen, z.B. die Wesentlichkeit des Gehirns für den physischen Menschen durch die Instanz der Akephalen, die Wesentlichkeit des Schutzes von Leben und Eigentum für den Staat durch die Instanz despotischer Staaten und tyrannischer Regierungen.“ (Hegel Logik Band 3)

So neugierig und aufregend das Außergewöhnliche, das Besondere, das unerwartete Ereignis, die Störung für die Wahrnehmung ist, so ungeliebt sind sie im eigenen Leben. Dort wollen Menschen in der Regel, dass alles so bleibt, wie es ist. Daher schaffen sich Menschen eine „soziale Blase (Bubble)“, eigene Welten, mit eigenen Geheimnissen und eigenen Sichtbarkeiten, eigenen Bestätigungen, Freunden. Menschen schaffen sich damit nicht nur ihre eigene Geschichte, sie schaffen sich auch ihre eigenen Handlungsfelder, die die Ihren sind, in denen sie zu hause sind, eigene Bestätigungsfelder. So lesen sie am liebsten die Informationen, die ihre eigenen Vorurteile, ihr Sein-In-der-Welt bestätigen. Das Fremde mag interessant sein, so lange es fern ist, steht es aber vor der eigenen Tür, wird es gefährlich für die eigene Homöostase.

Kurz gesagt, Menschen lieben Katastrophen, aber nur, wenn sie Anderen zustoßen.

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus. (Goethe, Faust 1)

Kurt Lewin verwendet das Bild des „Feldes“, ähnlich wie bei Spannungszuständen in Kräftesystemen entstehen Veränderungen durch das Zusammenwirken von Kräften verschiedener Vektoren. Alles, was im Feld geschieht, verursacht eine Störung, der das Bedürfnis nach Stabilität entgegenwirkt. 

Will ich Menschen und ihre Umgebungen verändern, brauche ich diese Störung, diese Abweichung von der Bahn des Alltäglichen (Epikur), ein „Auftauen“ (Lewin), eine initiale, unmittelbar auf den Kontakt, die phatische Phase folgende Phase der Beeinflussung des Feldes, eine Verunsicherung, eine Erschütterung der Macht (Star Wars).

Das ist das Betroffenheitsprinzip. Sind die Menschen betroffen, sind sie bereit, zu handeln. Wenn auch zunächst nur, um den gewohnten Zustand durch Elimination der Störung wieder herzustellen.

Einer der hervorragenden Wege dazu ist die Frage, und zwar, im Sinne Hegels, nicht die Frage nach der Ausnahme, dem Besonderen, dem Abweichenden, sondern die Frage nach dem Regelmäßigen, Wesentlichen. Diese Fragen analysieren das, was wesentlich ist, erzeugen aber bereits eine Metaebene, welche an sich schon eine Störung darstellt. Auch deshalb wird investigativer Journalismus, der nach dem Wesentlichen fragt, gerne von konservativen Regierungen als Störung empfunden.

So erklären sich die eigenartigen Widersprüche in den Meinungen von Menschen, ihre Bigotterie, Intoleranz, ihr Messen mit zweierlei Maß – vorwiegend, nicht nur, von Menschen, welche an der Konservierung Ihrer Situation interessiert sind.