Illustration zur Gestaltpsychologie. Tisch mit Glaskugel, Buch und Illustrationen zur Gestalt

Schein & Gestalt

Zwölf Thesen zu Gestalt­­psychologie, Design und Philosophie

Die deutsche Sprache verfügt oft über Mehrdeutigkeiten, die andere Sprachen so nicht kennen: Schein bedeutet Glanz und Trugbild zugleich, den Schein des Mondes ebenso wie den Schein des Schwindlers. Platon, unsicher wie er war in der Philosophie, nachdem er seinen Ideenlieferanten Sokrates nicht mehr kopieren konnte, misstraute beidem gleichermaßen und verbannte die Kunst als Nachahmung der Nachahmung gleich ganz aus seinem Staat. Wo der Geist nicht reicht, tritt Macht ein.

Daraus entstand eine lange Epoche der Suche nach „Wahrheit hinter dem Schein“ und des „Hineingeheimnissens“ von Rätselhaftigkeit in das, was offensichtlich ist, ja ein generelles Misstrauen gegenüber dem Sein, welches ja, nach Platon „nur ein Abglanz“ der Wahren Welt der Ideen (Metaphysik) in die Welt der Sinne (Phänomenologie). Die Arbeit der Philosophen wäre demnach das Aufdecken, Entdecken, Aufklären – kurz kriminalistisch, weil die Welt ein Krimi ist. 

Das war und ist auch ein sehr gutes Geschäft, weil Menschen Geheimnisse und deren Aufdeckung lieben. Das aber ist keine Philosophie, sondern Storytelling, Erzähltechnik.

Doch was, wenn der Schein nicht das Gegenteil der Wahrheit ist, sondern ihre einzig mögliche Form, die Weise, in der Wahrheit überhaupt in Existenz treten kann?

Max Wertheimer, der Begründer der Berliner Schule der Gestaltpsychologie, und Vilém Flusser, der das Design als eine Art Verschwörung gegen die Natur begriff, nähern sich dieser Frage von zwei verschiedenen Seiten her und diese, wie sich zeigen wird, treffen sich in etwas Drittem: der Gestalt. Die folgenden zwölf Thesen versuchen, diesen Treffpunkt zu vermessen.


1. Der Schein ist kein Fehler, sondern das Wesen der Gestalt

Max Wertheimer ließ 1912 Versuchspersonen zwei abwechselnd aufblitzende Lichter betrachten. Sie sahen Bewegung, wo keine war – ein Effekt, den er den Phi-Effekt nannte1. Man könnte nun, wie es die Alltagspsychologie meist tut, sagen: Die Leute täuschten sich. Wertheimer sagte etwas anderes: Die Leute nahmen wahr. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist keine Spitzfindigkeit, sondern eine Pointe der Gestaltpsychologie. Das Gehirn erfindet die Bewegung nicht trotz der Realität, sondern aus der Realität heraus, es verdichtet disparate Reize zu einer Gestalt, die als solche ebenso wirklich ist wie ihre Bestandteile. Schein und Wirklichkeit sind demnach keine Gegensätze, zwischen denen zu wählen wäre. Sie sind ein und derselbe Vorgang, nur von zwei Seiten betrachtet – so wie eine Münze nicht aus Kopf oder Zahl besteht, sondern aus beidem zugleich.

Wer den Schein überwinden will, oder ihn wenigstens zum Teil negativ deutet, wie es etwa Schiller tat, der den ästhetischen Schein als Kunst gelten lassen, den logischen Schein aber als Betrug verurteilen wollte, schafft am Ende nicht den Irrtum ab, sondern die Wahrnehmung selbst.

2. Design ist etymologisch ein Verschwörer

Flusser war jemand, der Wörter ernst nahm, mitunter auf eine Weise, die beunruhigend werden kann. Design, schreibt er, kommt von de-signare, ent-zeichnen – aber ebenso: im Schilde führen, hinterlistig planen2. Dieselbe Wurzel trägt das Wort Maschine (griechisch mēchanē, μηχανή: Vorrichtung, Kriegsgerät, List) und das lateinische ars, das im Kern nichts anderes bedeutet als »Dreh« oder »Kniff« und den Künstler in denselben Ruf bringt wie den Taschenspieler. Wer gestaltet, betrügt insofern die Schwerkraft, überlistet die Natur, baut sich Hebel, mit denen er mehr bewegt, als seine eigene Kraft eigentlich hergäbe. Das ist keine Anklage gegen das Gestalten, sondern die schlichte Beschreibung der Bedingung, unter der so etwas wie Kultur überhaupt erst möglich wird.

3. Figur und Grund: Was sichtbar ist, entscheidet, was verschwindet

Das berühmteste Bild der Gestaltpsychologie zeigt, je nachdem, wie man hinsieht, eine Vase oder zwei Gesichter – nie beides zugleich. Was zur Figur wird, braucht einen Grund, der zurücktritt, verschwindet, ohne wirklich zu verschwinden. Keine Wahrnehmung kommt ohne diesen Akt der Ausblendung aus, und das ist kein Mangel des Sehens, sondern seine Funktionsweise selbst. Drei Fragen stellen sich, sobald man dies auf das Denken überträgt:

  • Was wird in einem Argument zur Figur erhoben?
  • Was sinkt dabei notwendig in den Grund?
  • Und wer entscheidet darüber – der Sprechende oder der Hörende?

Jede These, auch die vorliegenden zwölf, hat ihr Nicht-Gesagtes. Jede Gestaltung entscheidet, was sichtbar wird, und was in den Hintergrund sinkt, vergessen vielleicht, aber nicht ausgelöscht. Carolyn Lukensmeyer, Gestalttherapeutin und Demokratieaktivistin, hat das an einem politischen Beispiel festgemacht: Je nachdem, ob sie auf die Tweets eines Präsidenten schaut oder auf die Gespräche in Kleinstadtgemeinden, verändert sich ihr gesamtes Bild der Demokratie – nicht, weil sich die Fakten ändern, sondern weil sich die Figur ändert, die aus ihnen gebildet wird.

4. Form ist das Wie der Materie

Flusser schreibt: Wenn Form das Wie der Materie ist und Materie das Was der Form, dann gibt es kein Design, das man rein materiell nennen dürfte – jedes Design ist immer schon informierend, im wörtlichen Sinn: es gibt der Materie eine In-Form. Das ist, in loser Anlehnung an die aristotelische Lehre von Form (morphe) und Stoff (hyle), keine neue Einsicht, aber eine, die im Design-Diskurs zu selten wiederholt wird. Der Tisch erscheint als Tisch, weil die Tischform das Holz durchdringt – nicht, weil das Holz von sich aus Tisch werden wollte. Ohne Formgebung bleibt Materie stumm, unscheinbar im buchstäblichen Sinn des Wortes: Sie scheint nicht. Sobald sie informiert ist, scheint sie, tritt in Erscheinung. Phänomenalität ist demnach kein nachträglicher Zusatz zur Wirklichkeit, sondern ihr Modus, die Weise, in der Wirklichkeit für uns überhaupt existiert.

5. Gestaltgesetze sind Erfahrungsregeln der menschlichen Wahrnehmungspsychologie

Nähe, Ähnlichkeit, Kontinuität, gute Gestalt(Prägnanz), gemeinsames Schicksal: Wertheimers Gesetze der Wahrnehmungsorganisation beschreiben, wie Bedeutung im Hirn, dem tierischen wie im menschlichen, überhaupt entsteht. Ein wahrnehmender Organismus greift in das Rauschen der Welt ein und zieht Muster heraus, die stimmen weil sie im Sinn des Lebens kohärent und damit nützlich, entscheidungsunterstützend sind.

Das steht der Hermeneutik näher als der Mechanik, und vielleicht ist gerade das der Grund, warum die Gestaltpsychologie so lange aus der akademischen Mode kam: Sie ließ sich nicht befriedigend in Reize und Reaktionen zerlegen, sie widersetzte sich der behavioristischen Versuchung, jedes Verhalten auf ein Reiz-Reaktions-Schema zurückzuführen. Was aber, wenn gerade diese Widerständigkeit ihr eigentlicher wissenschaftlicher Wert ist?

6. Die Fabrik der Zukunft ist eine Schule

Flusser hatte eine Utopie, die er nicht Utopie nannte: eine Fabrik, die aufhört, Maschinen zu bedienen, und anfängt, Informationen zu erzeugen. Fabrizieren ist dasselbe wie Lernen, schreibt er, und meint damit einen dreifachen Vorgang:

  • Informationen erwerben,
  • Informationen herstellen,
  • Informationen weitergeben.

Der Gestalter wird darin zum Lehrer – nicht, weil er erklärt, sondern weil er Formen in die Welt setzt, die andere ihrerseits zu Gestaltern machen. Das ist keine Metapher, sondern eine strukturelle Beobachtung: Jedes gut entworfene Objekt enthält eine Einladung, auf eine bestimmte Weise zu denken, während schlechtes Design diese Einladung von vornherein ausschließt. Gutes Design ist, unter anderem, eine pädagogische Geste, so pädagogisch wie der Rohrstock des antiken Paidagogos, nur ohne dessen Härte3.

7. Wer in Omelas lebt, hat die Gestalt akzeptiert

Ursula K. Le Guins Parabel funktioniert wie ein Lehrstück der Gestaltpsychologie: Eine Stadt voller Glück, gegründet auf dem Leid eines einzigen Kindes, das im Keller eingesperrt gehalten wird. Alle wissen es. Und dennoch hält die Gestalt. Warum? Sie hält, weil das Ganze kohärent ist, weil der Grund das Muster trägt, weil die Schließungstendenz – jener Drang des Gehirns, lieber zu vervollständigen als offen zu lassen4 – stärker wirkt als das Unbehagen an der Konstruktion. Die, die weggehen, brechen die Gestalt auf, treten aus ihr heraus wie aus einem Bild, das man nicht mehr sehen will. Wohin sie gehen, sagt Le Guin nicht. Sie sagt nur, dass es einen Ort gibt, den sie zu kennen scheinen, obwohl noch niemand ihn beschrieben hat. Eine offene Gestalt ist damit kein Triumph, aber sie ist, das sei mit William James hinzugefügt, eine andere Art von Wahrheit, eine, die sich erst im Vollzug des Handelns bewährt und nicht schon vorher feststeht.

8. Der Hebel schlägt zurück

Flusser, dem das Apokalyptische naheliegt, formuliert es lakonisch: Seit wir Schafe züchten, verhalten wir uns wie Herden. Seit wir Hebel bauen, bewegen wir die Arme wie Hebel. Die Maschinen simulieren also nicht bloß den Menschen – sie formen ihn nachträglich zurück, in einer Rückkopplungsschleife, die auch Marshall McLuhan im Sinn hatte, als er die Werkzeuge des Menschen zugleich als Erweiterungen und als Amputationen seiner selbst beschrieb. Das ist kein Argument gegen das Gestalten, sondern eines gegen dessen Naivität. Wer einen Raum entwirft, entwirft die Menschen mit, die ihn bewohnen werden. Wer eine Schnittstelle baut, baut die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer mit. Design ist keine Einbahnstraße, und wer das vergisst, wundert sich später über Rückwirkungen, die er selbst mit angelegt hat.

9. Das Ich ist eine Maske – und das ist keine Kränkung

Ich ist, wozu Du gesagt wird – dieser Satz aus der Existenzanalyse beschreibt ziemlich genau, was die Gestaltpsychologie über das Selbst nahelegt: keine Substanz, sondern eine Figur, eine Konfiguration von Beziehungen, die von außen Form annimmt. Flusser dachte das konsequent weiter: Person kommt von persona, der Theatermaske, durch die (per-) hindurch der Schauspieler seine Stimme tönen ließ (-sonare)5. Identität ist demnach kein Kern, den man freilegt, wenn man die Masken nacheinander abzieht – wer das versucht, findet, wie bei der sprichwörtlichen Zwiebel, am Ende nichts. Die Maske ist keine Verstellung, sie ist die Form, in der das Ich für andere überhaupt erst sichtbar wird, und damit, auf demselben Weg, auch für sich selbst.

10. Wertewandel ist ein Gestaltwandel

Klages und seine Mitarbeiter haben über Jahrzehnte untersucht, wie sich Wertorientierungen verschieben – von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten, um es grob zusammenzufassen. Nerdinger und Spieß zeigten in ihrer Längsschnittstudie etwas Feineres: Werden Befragte mit ihren eigenen früheren Antworten konfrontiert, rationalisieren sie die Veränderung fast ausnahmslos als Reife, als gelernte Realität. Die neue Orientierung wird rückwirkend zur einzig vernünftigen erklärt, die alte zur Verirrung der Jugend. Das ist Gestaltpsychologie in Aktion: Die neue Figur verdrängt die alte nicht, sie reorganisiert den Grund so, dass die alte darin aufgeht, unsichtbar wird, ohne gelöscht zu sein. Man ist also nicht wirklich jemand anderes geworden. Man sieht nur, mit einer neuen Figur vor neuem Grund, anders hin – und hält diesen neuen Blick, verständlicherweise, für den einzig möglichen.

11. Schein ist Erscheinen

Platon misstraute dem Schein, weil er ihn für eine Kopie der Kopie hielt, zweifach von der Wahrheit entfernt – man denke an sein Höhlengleichnis, in dem die Schatten an der Wand für die wahren Dinge gehalten werden, während draußen die Sonne der Ideen scheint. Flusser dreht den Spieß um: Es gibt keine unverschleierte Wirklichkeit, auf die der Schein nur unzureichend verwiese. Der Schein des Materials ist die Form, schreibt er in einem seiner letzten Essays. Materie erscheint überhaupt erst, wenn sie informiert wird. Der Schein ist das Erscheinen, nicht sein schlechter Stellvertreter, kein Schatten an der Wand, sondern die Wand selbst, ohne die es gar keine Schatten gäbe. Die Gestaltpsychologie, die zeigt, dass keine Wahrnehmung ohne Interpretation auskommt, bestätigt das auf ihrer Ebene. Was also bliebe, zöge man den Schein ab? Nichts, das jemand wahrnehmen könnte – und insofern auch nichts, das man noch Wirklichkeit nennen dürfte.

12. Design als Schicksalsentwurf

Design heißt unter anderem Schicksal, schrieb Flusser – weil wir immer schon in Entwürfen leben, die andere vor uns in die Welt gesetzt haben. Sprache, Architektur, Institutionen, Gewohnheiten: alles gestaltetes Material, das uns formt, bevor wir selbst zu gestalten beginnen. Das klingt fatalistisch, ist es aber, bei genauerem Hinsehen, nicht. Denn dasselbe Argument, das uns als Produkte der Gestaltung zeigt, zeigt uns auch als deren Urheber: Das Gehirn bildet aktiv Gestalten, es empfängt nicht passiv. Der Mensch ist kein Spiegel der Welt, sondern jemand, der Gestalten in sie einträgt und damit verändert, was für andere überhaupt erscheinen kann. Ich lese das Wort Schicksal deshalb nicht als Verhängnis, sondern, ganz wörtlich, als das, was uns geschickt wird und was wir, indem wir es gestalten, weiterschicken. Schein und Gestalt sind so gelesen nicht das Gegenteil von Wahrheit. Sie sind die einzige Form, in der Wahrheit vorkommen kann.

(Illustration: Fotos vom Autor mit Hilfe von KI gestaltet)


Anmerkungen

  1. Wertheimer, M. (1912): Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 61 – die Geburtsstunde der Gestaltpsychologie.
  2. Vgl. Flusser, V.: Vom Stand der Dinge. Eine kleine Philosophie des Design.
  3. Paidagogos – der Knabenführer der griechischen Antike, ursprünglich ein Sklave, der Kinder auf dem Schulweg begleitete und in den Grundlagen sozialen Verhaltens unterwies.
  4. Zur Schließungstendenz (closure) vgl. die Gestaltgesetze nach Wertheimer und Koffka.
  5. per-sonare: durch-tönen; Bezeichnung der antiken Theatermaske, durch die hindurch der Schauspieler sprach.