Schein & Gestalt
Zwölf Thesen zu Gestaltpsychologie, Design und Philosophie
Das Deutsche leistet sich eine Zweideutigkeit, die andere Sprachen nicht haben: Schein bedeutet Glanz und Trugbild zugleich. Der Schein des Mondes, der Schein des Schwindlers. Platon war misstrauisch gegenüber beidem. Vielleicht hatte er recht – aber aus den falschen Gründen. Denn was wäre, wenn der Schein nicht das Gegenteil der Wahrheit ist, sondern ihre einzig mögliche Form? Wertheimer und Flusser, Gestaltpsychologie und Designphilosophie, nähern sich dieser Frage von verschiedenen Seiten. Diese zwölf Thesen folgen ihnen dorthin, wo sie sich treffen.
1. Der Schein ist kein Fehler, sondern das Wesen der Gestalt
Max Wertheimer ließ Versuchspersonen zwei abwechselnd aufblitzende Lichter betrachten und sie sahen Bewegung, wo keine war. Den Phi-Effekt nannte er das. Man könnte sagen: Die Leute täuschten sich. Wertheimer sagte: Die Leute nahmen wahr. Der Unterschied ist entscheidend. Das Gehirn erfindet keine Bewegung trotz der Realität, sondern aus der Realität, es verdichtet Reize zu Gestalten, die als solche wirklich sind. Schein und Wirklichkeit sind nicht Gegensätze. Sie sind derselbe Vorgang, von zwei Seiten betrachtet.
Wer den Schein überwinden will, oder (selbst wenn nur zum Teil) negativ konnotiert, wie z. B. Schiller (welcher den ästhetischen Schein als Kunst erlauben und den logischen Schein als Betrug verurteilen will), schafft die Wahrnehmung selbst ab.
2. Design ist etymologisch ein Verschwörer
Flusser war jemand, der Wörter ernst nahm, manchmal beunruhigend ernst. Design, schrieb er, kommt von de-signare – ent-zeichnen, aber auch: im Schilde führen, hinterlistig planen. Dasselbe Wurzelfeld wie Maschine (griechisch mēchanē: Vorrichtung, Falle, List) und wie das lateinische ars – das eigentlich „Dreh“ oder „Kniff” bedeutet und dem Künstler denselben Ruf gibt wie dem Taschenspieler. Wer gestaltet, betrügt die Schwerkraft, überlistet die Natur, baut Hebel. Das ist keine Anklage. Es ist eine Beschreibung der Bedingung, unter der Kultur überhaupt möglich ist.
3. Figur und Grund: Was sichtbar ist, entscheidet, was verschwindet
Das berühmteste Bild der Gestaltpsychologie zeigt entweder eine Vase oder zwei Gesichter – nie beides zugleich. Was zur Figur wird, braucht einen Grund, der zurücktritt. Keine Wahrnehmung ohne diesen Akt der Ausblendung. Das ist kein Mangel des Sehens, sondern seine Funktionsweise. Übertragen: Jede These hat ihr Nicht-Gesagtes. Jede Gestaltung entscheidet, was sichtbar wird – und was in den Grund sinkt, vergessen, aber nicht verschwunden. Carolyn Lukensmeyer, Gestalttherapeutin und Demokratieaktivistin, beschrieb das einmal so: Je nachdem, ob sie auf die Tweets des Präsidenten schaut oder auf die Gespräche in Kleinstadtgemeinden, ändert sich ihr gesamtes Bild der Demokratie. Nicht die Fakten ändern sich. Die Figur.
4. Form ist das Wie der Materie
Flusser schreibt: Wenn Form das Wie der Materie ist und Materie das Was der Form, dann gibt es kein Design, das materiell zu nennen wäre. Es ist immer informierend. Der Tisch erscheint als Tisch, weil die Tischform das Holz durchdringt – nicht weil das Holz von Natur aus Tisch will. Ohne Formgebung bleibt Materie stumm, unscheinbar im wörtlichen Sinn: Sie scheint nicht. Und sobald sie informiert ist, scheint sie – tritt in Erscheinung. Phänomenalität ist kein Zusatz zur Wirklichkeit, sondern ihr Modus.
5. Gestaltgesetze sind keine Naturgesetze
Nähe, Ähnlichkeit, Kontinuität, gute Gestalt – Wertheimers Gesetze der Wahrnehmungsorganisation beschreiben nicht, wie Atome sich verhalten, sondern wie Bedeutung entsteht. Ein wahrnehmender Organismus greift in das Rauschen der Welt ein und zieht Muster heraus, die stimmen – nicht weil sie wahr sind im Sinne der Physik, sondern weil sie kohärent sind im Sinne des Lebens. Das ist näher an Hermeneutik als an Mechanik. Und vielleicht ist das der Grund, warum die Gestaltpsychologie so lange aus der akademischen Mode kam: Sie ließ sich nicht gut in Reize und Reaktionen zerlegen.
6. Die Fabrik der Zukunft ist eine Schule
Flusser hatte eine Utopie, die er nicht Utopie nannte: eine Fabrik, die aufhört, Maschinen zu bedienen, und anfängt, Informationen zu erzeugen. Fabrizieren dasselbe wie Lernen, schrieb er – Informationen erwerben, herstellen, weitergeben. Der Gestalter als Lehrer, nicht weil er erklärt, sondern weil er Formen in die Welt setzt, die andere zu Gestaltern machen. Das ist keine Metapher. Jedes gut entworfene Objekt enthält eine Einladung, auf eine bestimmte Art zu denken. Schlechtes Design schließt diese Einladung aus. Gutes Design ist, unter anderem, eine pädagogische Geste.
7. Wer in Omelas lebt, hat die Gestalt akzeptiert
Ursula K. Le Guins Parabel funktioniert als Gestaltpsychologie: Eine Stadt voller Glück, gegründet auf dem Leid eines einzigen Kindes, das im Keller eingesperrt ist. Alle wissen es. Die Gestalt hält trotzdem. Sie hält, weil das Ganze kohärent ist, weil der Grund das Muster trägt, weil die Schließungstendenz – der Drang des Gehirns, lieber zu vervollständigen als offen zu lassen – stärker ist als das Unbehagen. Die, die weggehen, brechen die Gestalt auf. Le Guin sagt nicht, wohin sie gehen. Sie sagt nur, dass es einen Ort gibt, den sie zu kennen scheinen. Eine offene Gestalt ist kein Triumph. Aber sie ist eine andere Art von Wahrheit. (vgl. auch William James)
8. Der Hebel schlägt zurück
Flusser, dem das Apokalyptische lag, formulierte es so: Seit wir Schafe züchten, verhalten wir uns wie Herden. Seit wir Hebel bauen, bewegen wir die Arme wie Hebel. Die Maschinen simulieren nicht nur den Menschen – sie formen ihn zurück. Das ist kein Argument gegen das Gestalten. Es ist ein Argument gegen die Naivität des Gestaltens. Wer einen Raum entwirft, entwirft auch die Menschen, die ihn bewohnen werden. Wer eine Schnittstelle baut, baut auch die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer mit. Design ist keine Einbahnstraße, und wer das vergisst, wundert sich später über die Rückwirkungen.
9. Das Ich ist eine Maske – und das ist keine Kränkung
Ich ist, wozu Du gesagt wird – dieser Satz aus der Existenzanalyse beschreibt, was die Gestaltpsychologie über das Selbst nahelegt: keine Substanz, sondern eine Figur. Eine Konfiguration von Beziehungen, die von außen Form annimmt. Flusser dachte das weiter: Person kommt von persona, der Theatermaske. Identität ist nicht Kern, den man enthüllt, wenn man die Masken abzieht – wer das versucht, findet, wie bei der Zwiebel, am Ende nichts. Die Maske ist nicht Verstellung. Sie ist die Form, in der das Ich für andere sichtbar wird, und damit für sich selbst.
10. Wertewandel ist ein Gestaltwandel
Klages und seine Mitarbeiter untersuchten über Jahrzehnte, wie sich Wertorientierungen verschieben – von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten, grob gesagt. Nerdinger und Spieß zeigten in ihrer Längsschnittstudie etwas Feineres: Wenn Befragte mit ihren früheren Antworten konfrontiert werden, rationalisieren sie die Veränderung fast immer als Reife, als gelernte Realität. Die neue Orientierung wird rückwirkend zur einzig vernünftigen. Das ist Gestaltpsychologie in Aktion: Die neue Figur verdrängt nicht die alte, sie reorganisiert den Grund so, dass die alte darin aufgeht. Man ist nicht jemand anderes geworden. Man sieht nur anders.
11. Schein ist Erscheinen
Platon misstraute dem Schein, weil er ihn für eine Kopie der Kopie hielt – zweimal von der Wahrheit entfernt. Flusser dreht den Spieß um: Es gibt keine unverschleierte Wirklichkeit, auf die der Schein nur ungenügend verweist. Der Schein des Materials ist die Form, schreibt er in einem seiner letzten Essays. Materie erscheint überhaupt erst, wenn sie informiert wird. Der Schein ist das Erscheinen – nicht sein schlechter Stellvertreter. Die Gestaltpsychologie, die zeigt, dass keine Wahrnehmung ohne Interpretation auskommt, bestätigt das auf ihrer Ebene. Was bleibt, wenn man den Schein abzieht? Nichts, das jemand wahrnehmen könnte.
12. Design als Schicksal
Design heißt unter anderem Schicksal, schrieb Flusser – weil wir immer schon in Entwürfen leben, die andere vor uns in die Welt gesetzt haben. Sprache, Architektur, Institutionen, Gewohnheiten: alles gestaltetes Material, das uns formt, bevor wir anfangen, selbst zu gestalten. Das klingt fatalistisch, ist es aber nicht. Denn dasselbe Argument, das uns als Produkte der Gestaltung zeigt, zeigt uns auch als deren Urheber. Das Gehirn bildet aktiv Gestalten – es empfängt nicht passiv. Der Mensch ist kein Spiegel der Welt. Er ist jemand, der Gestalten in sie einträgt und damit verändert, was für andere erscheint. Schein und Gestalt sind nicht das Gegenteil von Wahrheit. Sie sind die einzige Form, in der Wahrheit vorkommt.