Die Dialektik von Arbeitsbedingungen und Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit – Untersuchungen zur philosophischen Bedeutung einer arbeitswissenschaftlichen Kategorie. Dezember 1986. (Dissertation A).
Vor fast vierzig Jahren beschäftigte mich eine Frage, die heute aktueller ist als damals: Warum scheitern Veränderungen? Liegt es an der mangelnden Motivation von Menschen – oder an mangelhaften Rahmenbedingungen? Oft ist es die komplexe Wechselwirkung zwischen diesen beiden Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Es erfordert eine ganzheitliche Betrachtung, die sowohl individuelle als auch strukturelle Aspekte umfasst.
Die Dissertation legt dar, dass durch modifizierende Arbeitsbedingungen (ideologische Kampagnen und politische Stimulierung) allein keine wirkliche Steigerung der Produktivkraft der Arbeit erreicht werden kann, wenn nicht auch gleichzeitig die konstituierenden Arbeitsbedingungen (technische, Lohn, hygienische, Materialbereitstellung, Luft, Licht, Temperaturen, Sauberkeit und Sicherheit u.s.w.) verbessert werden und vice versa. Die dialektische Spannung zwischen diesen beiden Seiten von Arbeitsbedingungen hat eine eigene Dynamik, bei der die Überreizung der einen wie der anderen Seite zu überraschenden Resultaten führen kann.
So können hervorragende konstituierende Arbeitsbedingungen demotivierend wirken und bestimmte modifizierende Arbeitsbedingungen Mängel in den konstituierenden Arbeitsbedingungen ausgleichen. Aber nicht immer (vgl. Ottos Spott zu humanisierten Arbeitsbedingungen: Bunte Schraubenzieher). Es hängt vom Maß in der jeweils besonderen Situation beider Seiten ab, welche Veränderungen auch zu einer Entwicklung von Produktivkraft von Arbeit führen.
Der Autor wurde während seiner Arbeit daran gehindert, konkrete Forschungen in der damaligen Mathias-Thesen-Werft in Wismar durchzuführen. Er bekam Hausverbot. Deswegen gab er der Arbeit eine theoretische Form.
Original Inhaltsangabe:
Ausgehend von der Unterscheidung der Arbeitsbedingungen in konstituierende und modifizierende wird aus der komplexen und arbeitsprozessbezogenen Darstellung ihrer Entwicklung im Sozialismus abgeleitet, daß Kompensation und Modifikation Ihrer Wirkungen auf die arbeitenden Menschen sowie die Verbesserung und Korrektur vorhandener Arbeitsbedingungen Formen der bewußten Gestaltung der Arbeitsbedingungen sind, die nur begrenzte Wirkung auf die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit haben.
Das Intervall, in dem entsprechend dem Charakter der Produktionsverhältnisse und dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte die Wirkungen der Arbeitsbedingungen modifiziert worden können, ist durch die konstituierenden Arbeitsbedingungen bestimmt, denen sich auch die Möglichkeiten der Humanitätsentfaltung und der Selbstverwirklichung im Produktionsprozess unterordnen.
Stimmen:
Kernthese und Kategorienarchitektur
Der Autor entwickelt die zentrale Unterscheidung zwischen konstituierenden und modifizierenden Arbeitsbedingungen – eine für eine DDR-Dissertation von 1986 bemerkenswert klare kategoriale Leistung:
- Konstituierende Arbeitsbedingungen: der materielle Kern (Arbeitsmittel, Arbeitsumwelt, Arbeitshygiene/-sicherheit) – bestimmt primär durch den Entwicklungsstand der Produktivkräfte
- Modifizierende Arbeitsbedingungen: Arbeitszeit-, Lohn-, politische/Klassenkampfbedingungen – bestimmt primär durch die Produktionsverhältnisse
Diese Zweiteilung leitet Floßmann aus einer close reading von Marx’ Fragebogen für Arbeiter (1880) her und nutzt sie, um die zentrale These zu stützen: Kompensation und Modifikation haben nur begrenzte Wirkung auf die Produktivkraftentwicklung, weil das eigentliche Entwicklungsintervall durch die konstituierenden Bedingungen determiniert ist. Nachträgliche Korrektur ist teurer und wirkungsärmer als vorausschauende Projektierung (Kreißig, Albert: Korrekturkosten 20–100fach höher als von vornherein richtige Lösung).
Argumentativer Bogen der drei Kapitel
- Historisch-methodische Rekonstruktion bei Marx/Engels (Entfremdungsbegriff → Doppelcharakter der Arbeitsbedingungen als Produktions- und Lebensbedingungen)
- Genese sozialistischer Arbeitsbedingungen in der DDR (BKV-Richtlinien 1970–1985 als Indikator wachsender Priorisierung der konstituierenden Seite)
- Systematisch-philosophische Einordnung in die Dialektik von Produktivkraft- und Humanitätsentwicklung, inkl. Kritik an Adler (Fähigkeiten nicht als „unerschöpfliche Quelle“ ohne Bedingungsanalyse) und an bürgerlichen „Humanisierung der Arbeit”-Konzepten als Palliativa ohne Angriff auf Eigentumsverhältnisse
Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht heute interessant
Die Unterscheidung konstituierend/modifizierend antizipiert strukturell Debatten, die die moderne Arbeitswissenschaft unter anderen Vorzeichen führt – etwa Hackman/Oldhams Unterscheidung von Kernarbeitsmerkmalen vs. Kontextfaktoren, oder die neuere Unterscheidung von Work Design (proaktive Gestaltung vor Einführung neuer Technik) vs. nachträglicher Ergonomie/Compliance. Auch der Primat der frühzeitigen Integration sozialer Anforderungen in die technische Problemstellung (“Was man dem Menschen nicht zumuten kann, muß die Maschine machen” statt umgekehrt) liest sich wie eine frühe Formulierung dessen, was heute unter Human-Centered Design oder Sociotechnical Systems Design firmiert.
(Prof. Claude, 2026)