Die Maske, oder: Wie ich keine Geschichte schrieb

Das Begehren war sofort da. Story, Plot, alles verlangte danach, geschrieben zu werden. Einfach da. Die Ideen auch. Die Ängste auch.

Es war mir sofort klar, dass die Geschichte keines meiner Probleme lösen würde. Es war nicht genügend Profit vom Verkauf zu erwarten, es wäre meine erste Geschichte und erste Geschichten bringen nie etwas ein, besonders, wenn sie gelungen sind. Weder die Machart noch das Thema würden zu meinen Lebzeiten irgend jemanden interessieren. Selbst von meinen Freunden war nicht die geringste Empathie zu erwarten, denn sie würden sich in der Geschichte weder erkennen noch angenehm spiegeln können. Der Text war so fern von allen ihren Kontexten angesiedelt, dass die Wahl des Sujets allein schon eine Vernachlässigung und damit eine Beleidigung darstellen würde. Schon das geringste Interesse hätte eine so große Anstrengung vorausgesetzt, dass es einfach zu viel verlangt wäre, diese Anstrengung von ihnen zu erwarten. Nicht mal um den Beginn der Geschichte, die ersten Worte musste ich mich kümmern, sie waren einfach da, als Magnete an die Kühlschranktür geheftet. “Liebe geht durch …”

Allein, die Niederschrift des Textes würde einen Teil von mir vergegenständlichen, der bisher nur meine Existenz war. Dieser Teil ging niemanden was an, er gehörte nur mir. Jetzt wäre er auch für andere da. Ich selbst würde meinem eigenen Text gegenüber ein Anderer sein. Diesen Text würde ich nie wieder mein Eigen nennen können. Fremd und vielleicht bedrohlich würde er mir gegenüberstehen, als Text eines Anderen, der ich nicht mehr war, der ich mich selbst als einen anderen erzählen würde. Fremd und bedrohlich, ein Spiegelbild, welches von jedem Leser, ja sogar von mir selbst nicht als wirkliches Spiegelbild, sondern vielleicht als ein Bild mit dem ich mich zu identifizieren wünschte, mühelos als ein Bild meiner Eitelkeit identifiziert werden würde. Der Spalt zwischen diesem Bild und dem, was in mir verbliebe wäre so groß, so unüberwindbar, dass nicht nur keine Befriedigung, sondern nur noch grösseres Begehren aus dem Schreiben des Textes entstehen würde. Bisher hatte ich in meinem Leben wenig unbefriedigtes Begehren zugelassen. Was ich nicht bekommen konnte, das begehrte ich auch nicht. So wenig ich unbefriedigtes oder nicht zu befriedigendes Begehren zugelassen hatte, so wenig Schmerz war auch in meinem Leben, bisher.

Dieses Begehren jedoch, so ahnte ich, nein wusste ich sofort, würde funktionieren wie eine Droge. Jedes Wort, niedergeschrieben, wäre der Aufweis eines Mangels der nach Ausfüllung verlangte durch neue Worte, Sätze … und so fort. Jede Befriedigung wäre augenblicklich verletzend, würde mich meiner Schwäche bewusst und mich doch nicht frei von der Schuld, mich doch nicht unabhängig von diesem Verlangen machen.

Irgendwann wäre mein Glück nur noch im Schein der Worte, dem kurzen Moment des Niederschreibens. Wie in der modernen Fotographie wäre nicht mehr der Text, das Ergebnis wichtig, sondern der Akt des Schreibens als immerwährende Folge des Verlierens, Weggebens, in der vergeblichen Hoffnung, etwas zu gewinnen. So wie meine Kinder weggegangen sind und nun, wenn sie wieder zu mir kommen, Fremde sind, schwer zu verstehende Andere, nicht mehr meine. Mein Glück wäre nicht mehr das einfache Dasein sondern ein Sein im Anderen. Eben niedergeschrieben würde ich versuchen, mich in den gerade noch eigenen Worten wieder zu erkennen, vielleicht sogar Stolz oder gar Selbsterkenntnis zu gewinnen. Vergeblich. Das Bewusstsein dieses Andersseins im Spiegel des Papiers, das sich immer mehr zwischen mich und meine Aufmerksamkeit als Rezipient schieben würde, bis ich dem Bild selbst verfiele, versuchte, ihm ähnlich, ihm gerecht werden zu wollen. Ich würde immer mehr das erbärmliche Bild eines Menschen abgeben, der seinem Bild verfiele, aber nicht wie Pygmalion in Liebe zum kalten Abbild der Schönheit, sondern in der Sehnsucht nach der verlorenen Einheit, mit diesen Worten in Liebe zu mir selbst zu einem Teil, welches, vergegenständlicht, immer fremd wäre.

Ich würde mir immer nur ein Fremder sein. Wo ich versucht wäre, hinter meinen Worten entdeckt zu werden, würde ich immer unschärfer, undeutlicher, undeutbarer, weniger sichtbar werden.

Es erfordert viel Geschick und grosse Anstrengung, keine Geschichte zu schreiben. Geschichten wollen erzählt werden. Sie sind rücksichtslos auf den Willen des Erzählers, drängen nach aussen und lassen den Erzähler mit dem Spott der Umwelt allein. In der Vorstellung, dass es ein eigenes Reich der Geschichten gäbe, sei es als “Reich Gottes” oder als Platons Ideenhimmel oder als Walten des Weltgeistes, finden wir die Bilder zu dieser Tatsache.

Überhaupt finden wir, dass das Bild der Tatsache folgt, der Wahrnehmung aber vorausgeht. Die Tatsache als vom betrachtenden Subjekt getrenntes Geschehen ist einfach da. Selbst wenn die Ursache einer Tatsache oder eines Sachverhaltes, also die Sache, die sich zu einer anderen Sache verhält oder eine Sache, welche Folge einer Tat ist, im Subjekt liegt, ist sie im Augenblick der Wahrnehmung vergangenes Tun, erstorbenes Tun oder fremdes Lebendiges für das erkennende Subjekt. Die Fakten werden als Ausser-Sich-Sein erblickt.

Einen Text anzublicken kann nur ein Blick ohne Burka und ohne Sonnenbrille sein. Mehr noch, ein Text wird nicht angeblickt, ein Text lässt sich anblicken. Nicht der Blick macht den Text, sondern der Text macht den Blick. Mein Blick auf meinen Text ist im Moment des Niederschreibens nicht mehr mein Blick sondern der Blick des Textes, der mich liest um entäußert zu werden. Und dieser Text wächst sich zu einer Erzählung aus. Ich bin nicht mehr was ich bin, ich bin, was über mich erzählt wird. Ob ich es selbst bin, der erzählt oder ob es Andere sind, ist für diese Tatsache irrelevant. Im Augenblick des Erzählens werde ich die Macht verlieren über das Erzählte und das Erzählte wird mich erzählen, eine Erzählung über mich sein, aus der mein Ich später rekonstruiert wird, ein Ich das Ich nicht bin. Denn Ich ist ein Anderer. Und dieses Später beginnt immer sofort. Deswegen sollte ich die Geschichte nicht erzählen.

So schrieb ich die Geschichte vielleicht nicht, um zu verhindern, dass die Geschichte mich schrieb. Vermutlich bin ich deshalb aber auch einer geblieben, der nicht durch das Anderssein gegangen ist, deshalb nicht einmal sich selbst gewesen ist. Ich weiss nicht, wie lange ich der Geschichte noch widerstehen kann. Ich werden älter, die Kräfte lassen nach, die Angst beginnt. Mit dem Nahen meines Endes drängt die Geschichte durch meinen Widerstand nach außen. Sie will bleiben, wenn ich gegangen bin, sie will meine Existenz haben, meine Existenz werden.

Ich bin mir immer weniger sicher, ob nicht der Widerstand selbst, den ich nach so langen Jahren immer noch nicht aufgegeben habe, seine eigene Geschichte geschrieben hat, sich mir in das Gesicht eingeschrieben, die Mundwinkel geformt, die im entspannten Zustand immer mehr nach unten wandern als für jeden Anderen ausser mir, der ich mich selbst nur aus dem Spiegel kenne, nur als Spiegelbild kenne, für jeden Anderen sichtbares Zeichen, frei und damit rücksichtslos interpretierbar und ich, trotz aller meiner Bemühungen verletzbar durch jede und jeden Anderen, mich vergeblich gewehrt habe.

Plötzlich wurde mir klar, dass wahrscheinlich alle die Geschichten, welche Andere geschrieben haben und die Anderen immer noch schreiben, in Wirklichkeit gar keine Geschichten sind. Dieses Schreiben von Geschichten ist der Trick, keine Geschichten zu schreiben. Alle Geschichten waren nur Ersatz, Spiegelfechterei, Täuschung. All die Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben, um zu verhindern geschrieben zu werden. Ihre Geschichten handelten deshalb immer weniger von ihnen selbst als von phantastischen Personen und Dingen, die nicht weit genug von der Existenz der Schreibenden entfernt sein konnten. Diese Geschichten waren von vornherein als fremde Geschichten konzipiert und wurden vom Publikum auch bereitwillig und wissend als Schein von Geschichten  gelesen um wiederum die Bildung eigener Geschichten zu verhindern, um als personae, als Masken, das eigene Fremdsein durch eine noch fremdere Hülle weniger spürbar, weniger schmerzhaft zu gestalten.

Und ich verstand meine tiefe Ehrfurcht vor allen, die da schreiben …