Probleme und Lösungen oder PAL

Bei einigen „Erfolgstrainern“ und Führungskräften ist der Satz „Es gibt keine Probleme, nur Lösungen!“ oder die fiese Variante davon: „Ich will keine Probleme von Ihnen hören, sondern Lösungen!“ äußerst beliebt und einige sind stolz darauf, auf diesen Satz ihre Schulung aufzubauen. Und weil sich Führungskräfte gerne bestätigt fühlen, gehen sie auch gern zu solchen Veranstaltungen und klatschen Beifall. Durch Beifall aber werden Probleme nicht gelöst.

Das Wort „Problem“, gr. πρόβλημα próblema, bezeichnet das Vorgeworfene, das Vorgelegte, „das, was [zur Lösung] vorgelegt wurde“ (Quelle).

Hier rührt wohl auch das Unbehagen her, welches Führungskräfte so stört. Ihnen wird etwas vorgeworfen, es entsteht eine Lücke, ein Spalt, welcher ihre eigene Inkompetenz aufdecken könnte. Das ist ihnen unangenehm. Ausserdem, als Vorgelegtes, scheint es ein PAL, ein Problem Anderer Leute zu sein.

Einige Führungskräfte tun das, was sie am Besten können: Entweder ignorieren sie das Problem oder sie delegieren es.

 

Strategie 1: Ignorieren.

Probleme anderer Leute werden in der Regel nicht wahrgenommen, deshalb verwendete Douglas Adams es auch zum Verstecken von Raumschiffen: Douglas Adams: „Per Anhalter durch die Galaxis“ 3. Teil: „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“

Arthur spürte das dumpfe Pochen direkt hinter den Schläfen -ein Merkmal so vieler Gespräche mit Ford. Sein Gehirn lag auf der Lauer wie ein verängstigtes Hündchen in seiner Hütte. Ford nahm ihn am Arm.

„Ein PAL“, sagte er, „ist etwas, das wir nicht sehen oder nicht sehen können oder das unser Gehirn uns nicht sehen läßt, weil wir denken, es sei das Problem Anderer Leute. Genau das bedeutet PAL. Problem Anderer Leute. Das Gehirn streicht es einfach aus, es ist wie ein blinder Fleck. Wenn du es direkt anguckst, siehst du es nicht, es sei denn, du weißt genau, was es ist. Die einzige Hoffnung ist, daß man es zufällig aus dem Augenwinkel zu fassen kriegt.“
[…]
„Ich kann es sehen“, sagte Arthur, „es ist ein Raumschiff.“
Einen Moment lang war Arthur von der Reaktion überwältigt, die diese Enthüllung hervorrief. Ein Gebrüll entrang sich der Menge, und aus allen Richtungen kamen Leute angerannt, die schrien, kreischten und in einem wilden Getümmel übereinanderfielen. Er stolperte erstaunt zurück und sah sich ängstlich um. …

(auch hier)

Nicht alle Probleme lassen sich aber auf die Dauer ignorieren, weil sie als ungelöste Fragen weitreichende Folgen haben. Alles weitere siehe unter „Airport Berlin Brandenburg“. Ungelöste Probleme haben die Tendenz, neue, noch schlimmere Probleme zu erzeugen.

Strategie 2: Delegieren.

Wenn sich das Problem nicht länger ignorieren lässt, delegieren Führungskräfte das Problem an andere Menschen, in der Regel ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sie machen es zum Problem anderer Leute. Das hat auch den Vorteil, dass die Verantwortung für die Risiken bei der Lösungsfindung mit delegiert werden. De -> Legation ist eine Übertragung von Zuständigkeit und Handlungskompetenzen.

Was jedoch nicht bedacht wird, ist der Effekt, der durch Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ dargestellt wird:

Durch die Arbeit kommt es [das Bewußtsein] aber zu sich selbst. In dem Momente, welches der Begierde im Bewußtsein des Herrn entspricht, schien dem dienenden Bewußtsein zwar die Seite der unwesentlichen Beziehung auf das Ding zugefallen zu sein, indem das Ding darin seine Selbständigkeit behält. Die Begierde hat sich das reine Negieren des Gegenstandes und dadurch das unvermischte Selbstgefühl vorbehalten. Diese Befriedigung ist aber deswegen selbst nur ein Verschwinden, denn es fehlt ihr die gegenständliche Seite oder das Bestehen. Die Arbeit hingegen ist gehemmte Begierde, aufgehaltenes Verschwinden, oder sie bildet. Die negative Beziehung auf den Gegenstand wird zur Form desselben und zu einem [154] Bleibenden, weil eben dem Arbeitenden der Gegenstand Selbständigkeit hat. Diese negative Mitte oder das formierende Tun ist zugleich die Einzelheit oder das reine Fürsichsein des Bewußtseins, welches nun in der Arbeit außer es in das Element des Bleibens tritt; das arbeitende Bewußtsein kommt also hierdurch zur Anschauung des selbständigen Seins als seiner selbst. (Hervorhebungen von mir)

Die Verschiebung der Verantwortung erzeugt auf kurze Distanz als Machtakt einen Lusteffekt (vergleichbar mit der Schadenfreude) auf lange Zeit aber einen sehr tiefen Frust, der schließlich zu dem berühmten „Ausbrennen“, dem „Burnout“ von Führungskräften führt. Ihre Begierde ist ein Verschwinden.

Die Lösung des Problems dagegen ist nach Investition von Kraft, Vergegenständlichung von Innerem in etwas dem Bewusstsein Gegenüberstehendem, i.e. Materiellem, ist Vergegenständlichung. Damit erzeugt die Lösung von Problemen die Möglichkeit, sich im Produkt selbst wiederzufinden, zu spiegeln, erzeugt Selbstbewusstsein, das Bewusstsein, das Wissen:“Ich habe dieses Problem gelöst, ich habe dieses Haus gebaut.“ Die Begierde von Problemlösern ist ein Gewinnen, (Wieder-)Finden.

Das Dilemma von Herrschenden, welche selbst nicht bauen oder Probleme lösen, zeigt sich dann auch an den vergegenständlichenden Inschriften an Gebäuden, welche ihre Bauherrenschaft herausschreien – je weniger sie selbst gearbeitet haben, desto lauter.

Ich löse für mein Leben gerne Probleme, oft auch die Probleme anderer Leute, denn Probleme zu lösen ist und macht (kein Schreibfehler!) herrlich. Und auch dafür gibt es Ähnlichdenkende. Und deswegen stellt Martin Koncilja gegen ein Entgelt gerne Probleme zur Verfügung.

Führungskräfteschulung bedeutet für mich daher Schulung zur kollektiven Problemlösung im Team mit den Mitteln der Status – Lust – Identitätsentwicklung. TEAM (Toll, Ein Anderer Machts) ist nicht gleich Team (altengl.: team Familie, Gespann, Nachkommenschaft). Das ist nicht selbstverständlich, das muss gelernt werden, das macht Spass und verhindert den Burnout.

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