Neue Lernkultur, immer wieder

Dieses Video zeigt eine Auseinandersetzung mit der  Situation der gegenwärtigen Lernkultur. Eigentlich nicht überraschend und deshalb tragisch ist, dass dieselben Forderungen und Vernunftgründe seit den 70-ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgestellt werden.

 

Was hindert ein Bildungssystem (und ich meine dabei vor allem und wesentlich die Bildungsphase von der 4. Klasse bis zur Berufsbildungsreife bzw. zum Abitur, also die Sekundarstufe 1 im bundesdeutschen Bildungssystem) eigentlich daran, diesen nun nicht gerade neuen Bedürfnissen endlich nachzukommen? Und das, wo die Nichteffektivität des alten Bildungssystem offensichtlich sei? Eine Befragung des DIHK zeigt, dass die Unzufriedenheit mit den Ausgangsbedingungen nach Beendigung der Schule, vor allem bei den SoftSkills (Verhalten, Motivation) groß ist.

Mängel bei der Ausbildungsreife der Schulabgänger 2012
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Das berufliche Übergangssystem wird seit dem nationalen Bildungsbericht 2006 als dritte Säule im Berufsbildungssystem angesehen.

Ich habe die letzten zwanzig Jahre viele Seminare zur Fortbildung in diesem Bereich durchgeführt und erlebt, wie viele Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen der  Benachteiligtenförderung und der Berufsübergangsbegleitung unter der scheinbaren Aussichtslosigkeit ihrer Arbeit leiden. Sie fühlen oft, das sie zu spät kommen, dass sie nicht wirklich etwas verändern können.

Die Bundesregierung hat darauf reagiert, indem sie in den letzten Jahren mehr in den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung investiert und das Übergangsmanagement mit vielen fast schon unüberschaubaren Projekten gefördert hat. 2011 zählte das IAB 3 Dienstleistungen der Arbeitsförderung als Pflichtleistung, 11 Förderinstrumente im SGB III (davon 2 nicht spezifisch für junge Menschen) und 17 Bundesprogramme auf.

Dazu gehören seit 2010 die Bildungsketten, das Berufsorientierungsprogramm und Jobstarter.

Alle diese Massnahmen sollten die Benachteiligtenförderung nach und nach ersetzen und die Förderung näher an den Übergang von Schule zur Ausbildung bringen.

Aus einer Benachteiligtenförderung ist ein Übergangsmanagement geworden.

Nur wenige Institute der Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BAE) haben diese Entwicklung überlebt und selbst diese können sich jetzt kaum Weiterbildung leisten, zahllose Mitarbeiter wurden seit 2005 entlassen und Einrichtungen insolvent.

Das BIBB führt diese Entwicklung auf die gesunkenen Schulabgängerzahlen zurück. Etwa 10 % aller Auszubildenden werden durch außerbetriebliche Ausbildungsverträge nach §242 SGBIII gefördert. (Diese Daten werden vom BIBB allerdings erst seit dem Jahr 1999, also nach dem Wandel in der Benachteiligtenförderung, erhoben.) Allein von 2009 bis 2010 verringerte sich die Zahl der außerbetrieblichen Ausbildungsverhältnisse in den alten Ländern um 5,9% und in den neuen Ländern um 20,5% (BIBB_Datenreport_2012 S. 109).

Dass die Mittel für das Übergangsmanagement diversifiziert oder geradezu gekürzt wurden, dass nur noch ein Bruchteil der Fortbildung für die Benachteiligtenförderung stattfindet, dass zahllose Einrichtungen der überbetrieblichen und außerbetrieblichen Berufsbildung regelrecht zerstört wurden, hat das Problem aber offensichtlich nicht gelöst.

Der demografische Wandel hat die Situation am Ausbildungsmarkt von einem Anbieter- zu einem Nachfragemarkt zu Ungunsten von Unternehmen umgekehrt. Viele Unternehmen müssen jetzt Auszubildende akzeptieren, welche sie früher zurückgewiesen hätten. Die Voraussetzungen, mit denen Absolventen der Schule in die Ausbildung gehen, sind aber offensichtlich immer noch unzureichend. 40-50% mit unzureichender Berufsausbildungsreife sind keine Gausssche Normalverteilung, das wären maximal  Werte um 20-30 %, sie sind eine permanente Katastrophe.

Fragen, die ich hier nur stellen, aber auf Grund (noch) mangelnder Einsicht (wer selbst kein Lehrer ist, hat praktisch keine Chance, in die Lehrerfortbildung zu kommen, das ist ein sich in sich selbst reproduzierender Kreislauf) nicht beantworten kann, sind:

  • Warum ist (bisher) keine Schulreform fähig, die Schule selbst als ausreichende Instanz der Berufsbildungsreife zu entwickeln?
  • Sind Lehrer und Lehrerinnen wirklich nicht bildungsfähig?
  • Ist die Schule wirklich nur ein Repressionsinstrument, welches ohne Rücksicht auf die Erfordernisse der Wirtschaft veraltetes Wissen und Gedankengut vermittelt?
  • Wie kommt es, dass die Lust am Lernen spätestens in der 4. Klasse, also am Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe 1 so stark abfällt (wenn ich meinen Erfahrungen und den Klagen der Eltern und Schüler glauben darf)?
  • Ist die Schule, vor allem in der Sekundarstufe 1 Opfer der Migration, des demografischen Wandels, der Finanzkrise und anderer Naturgewalten?
  • Wäre es nicht sinnvoller, in der Sekundarstufe 1 revoutionäre Änderungen durchzuführen, statt, nachdem die Kinder in die Brunnen der unzureichenden Berufsausbildungsreife, des Analphabetismus, der kulturellen Identitätskrisen, der Dyskalkulie, der Verhaltensauffälligkeiten gefallen sind, effektive Leitern und Rettungssysteme zu entwickeln um sie wieder herauszuholen?

Was gebraucht wird, ist eine Bildungs- und Unterstützungsoffensive für die Lehrer und Lehrerinnen der Sekundarstufe 1. Die Kraft, die in das Übergangsmanagement und in die Benachteiligtenförderung investiert wird, sollte in die Schule investiert werden. Und das heißt, dass viel, sehr viel mehr Mittel in die Lehrerfortbildung investiert werden sollten und dass jegliche Arroganz und Ignoranz von Lehrern und Lehrerinnen gegenüber modernen Lehr- und Lernformen unangebracht ist.

Diese Hoffnung aber, so scheint mir, haben viele Beteiligte an der Schulentwicklung schon aufgegeben. Die Sekundarstufe 1, so wird mir berichtet, ist nur noch ein Ort, an dem um das Überleben gekämpft wird.  Entwicklung finde hier nicht wirklich statt.

Mir fällt auf, dass Schule und Landwirtschaft die zwei Bereiche sind, auf die am meisten eingehauen, in denen am meisten „herumgedoktort“ wird, allerdings mit den geringsten Veränderungseffekten. Das ist sicher darauf zurückzuführen, dass diese beiden Bereiche von ihrer Natur her eher konservativ sind, in der Sprache von Gerda Jun archisch, bewahrend. Zumindest in der Schule aber ist das nicht mehr zeitgemäß, seit mindestens 60 Jahren. Die Schule sollte nicht mehr als der Ort verstanden werden, in dem ein Herrschaftssystem gesichert wird, sondern als der Ort, in dem die Veränderungen der Zukunft vorbereitet werden.

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