Narrationen und Narreteien

Narrationen und Narreteien

(aus: Huhn oder Ei. Philosophische Dichotomien)

Narratio ist das lateinische Wort für Erzählung, die Mitteilung in Erzählform, das Erzählte, die Darlegung des Sachverhalts. Narro bedeutet Erzählen, das Bringen von Nachrichten.[1] Hermes (röm. Mercurius) ist in der griechischen Mythologie der Bringer der Nachricht, der Bote der Götter, er ist damit der Gott der Grenzüberschreiter, der Vermittler, (Kunst-)Händler und der Diebe, des Verkehrs, der Redekunst, der Lüge, der, welcher die Waren (merces) überbringt.

Sehr nahe steht dem Wort im Wörterbuch naris, der Nase und dem feinen Urteil. Jemand mit einer großen Nase, homo emunctae naris, wird von Horaz als Mann mit einem scharfen Verstand identifiziert. Wenn man vermutet, dass gelogen wird, dann tippt man sich an die Nase. Die Lügen Pinoccios drücken sich nicht ohne Grund in der Verlängerung seiner Nase aus.

In der englischen Sprache wird das Wort Narrative,[2] sowohl mit dem Erzählen, Erläutern, als auch mit dem Vertraut machen verbunden. Diese Bedeutung leitet sich wohl auch aus dem lateinischen gnarus her, wo es kundig, erfahren, bekannt[3] bedeutet.

In der englischen Sprachwelt befindet sich das Wort allerdings auch in der Nachbarschaft des Wortes narrow: knapp, eng, nur ein wenig vorbei.

Narrow minded meint engstirnig.

Wenn die Nase zu groß oder die Wahrnehmung zu eng wird, verwandelt sich der Weise in den künstlichen Narren,[4] der, wenn er weise genug ist, immer noch der geschätzte Geschichtenerzähler und Ratgeber bleibt, ob seiner Gottesferne jedoch nur dem Teufel nahestehen kann und deshalb unter Generalverdacht steht.

„Die Hofnarren als ‚Offizianten‘ (in einem festen höfischen Amt) sollten ursprünglich ihren Herrn nicht belustigen, sondern ihn als ernste Figur ständig daran erinnern, dass auch er der Sünde verfallen könne und in religiöser Deutung seinem Herren als Erinnerer an die Vergänglichkeit seines menschliches Dasein diente. Sie waren also eine soziale Institution zulässiger Kritik.“[5]

Das Erzählen bewegt sich am Übergang zwischen dem Weisen und dem Narren. Erzählen von der Weisheit Anderer ist sicherer, als eigene Weisheiten zu verbreiten. Der Bote sollte nicht für seine Nachricht bestraft werden. So ist der Erzähler ein geschickter Weiser, welcher seine Meinungen und Ideen als Idee Anderer an die mächtigen Männer bringen kann. 

Der weise Sklave Äsop hat die Form der Fabel gewählt und damit alle Elemente des Erzählens in einer sehr kurzen Form vereinigt: Das Zuhören, das Berichten, das Erinnern, das Verändern. Ein Beispiel:

Der Fuchs und die Trauben

Ein Fuchs war hungrig; droben hing die Rebe,
von süßen Trauben schwer. Er sprang und sprang,
um sie zu greifen; doch umsonst. Da sprach er:
„Sie sind noch unreif, saure mag ich nicht“,
und ging davon. – Wer das, was ihm zu hoch,
verächtlich macht, der merke sich dies Beispiel.
(Phädrus: Äsopische Fabeln, Reclam Leipzig 1945, S46)

Diese Narration berichtet von dem Verhalten eines Anderen und deckt es als Narretei auf, um das Verhalten der Hörer zu verändern.

Im Text wird der Aussage des Fuchses zugehört: „Sie sind noch unreif, saure mag ich nicht“, diese Aussage wird in der Erzählung in einen Kontext gestellt, den die aktuellen Zuhörer der Fabel nicht wissen können, welcher jedoch die Bedeutung des Berichteten entscheidend beeinflusst. Die Erzählung endet mit einer Moral, welche indirekt manipulativ das vergangene Verhalten der Hörer als Erinnerung weckt (Geschichten auslösen) und Veränderungen für das zukünftige Verhalten anspricht.

Dabei entzieht sich der Erzähler der Verantwortung. Er erzählt ja nur. Wenn die Moral auf den Hörer nicht zutrifft, braucht er sich ja dieses Beispiel nicht zu merken.

Weil auf diese Weise eine Weisheit – eine eigene Erfahrung vermittelt wird, zeigt sich der Erzähler als wahrer Liebhaber der Weisheit, denn er gibt sie weiter – er erweist sich als lehrender Philosoph.

Lehrende Philosophie und Narration gehören eng zusammen, der Weg über die Narretei ist ein rhetorisches, sophistisches Mittel, um die Hörer aufzuschließen, sich in Sicherheit zu bringen und das Wissen wirksam werden zu lassen.

Gegen Ende ihrer antiken Geschichte waren die Philosophen nur mehr Narren, Spaßmacher an den Tischen der Reichen und Lukian verspottet sie zu Recht.

Philosophische Mitteilungen mit dem Ziel von Veränderungen werden praktische Philosophie genannt. Weil hier der Nutzen ganz klar ist, wird allerdings oft der Nutzen der Philosophie auf die Moral, die Verhaltensänderung reduziert.

Narrative sind nichts Neues oder schwierig zu Erlernendes. Narrative sind so alt wie die Menschheit selbst. Das griechische Wort Mythos bedeutet nicht mehr als „Erzählung“ und wird erst durch die Moderne einer wissenschaftlich beschreibbaren Realität der Zahlen, Daten und Fakten gegenübergestellt.

Also etwas geschieht oder ist geschehen oder wird vielleicht geschehen. Jemand will dieses jemandem anderen kommunizieren, es wird narrativiert – in eine Erzählung verwandelt und erzählt. Dabei werden Zahlen, Daten, Fakten, Beobachtungen, Vermutungen, Axiome und Annahmen miteinander zu einer Erzählung, einer Narration verknüpft.

Narration ist damit Bestandteil des Geistigen, Bestandteil der ideellen Welt. Der Verweis auf die geistige Welt und  damit auf die Welt des Denkens inkludiert, dass es Narrationen in der objektiven Realität nicht gibt. Es liegt ausschließlich in der Natur von Menschen, narrativ denken zu können.

Natur geschieht, ereignet sich oder ist einfach da.

Natur hat jedoch eine zeitliche Dimension, ist deswegen als Naturprozess beschreibbar. Wenn durch Beobachtung und Erfahrung einigermaßen verlässlich nur Zahlen, Daten und Fakten belegt werden können, bleibt die Verbindung zwischen diesen der Einbildungs- und Deutungskraft von Menschen überlassen. Erzählen ist eine, den Menschen eingeborene, Fähigkeit. Auch Menschen, welche von sich behaupten, schlechte Erzähler zu sein, werden dies in Erzählform tun. In der deutschen Sprache wird das Wort „Erzählung“ benutzt.

Das steht im deutlichen Gegensatz zur „Zählung“. Das Wort „Geschichte“ verweist auf die Schichtung, die sequentielle Abfolge von Ereignissen, welche als Narratio erzählt wird.

Wenn in der Geschichtswissenschaft von Emplotment gesprochen wird, so wird angenommen, dass Geschichtswissenschaftler die Fakten, welche sie durch Ausgrabung oder Dokumentenstudium gewonnen haben, durch eine erzählerische – narrative – Verknüpfung in eine Abbildung der historischen Bewegung verwandeln.


[1] vgl. Langenscheidts großes Schulwörterbuch lateinisch-deutsch bearb. von der Langenscheidt-Red. auf der Grundlage des MengeGüthling. Völlige Neubearb. Aufl. Berlin: Langenscheidt. 2001. S.818f.

[2] Harper, Douglas. 2011. Online Etymology Dictionary. www.etymonline.com (Stand: 30. Aug 2015)

[3] vgl. Langenscheidts großes Schulwörterbuch lateinisch-deutsch bearb. von der Langenscheidt-Red. auf der Grundlage des MengeGüthling. Völlige Neubearb. Aufl. Berlin: Langenscheidt. 2001. S. 552)

[4] Im Gegensatz zum natürlichen Narren, der körperlich oder geistig behindert ist.

[5] Wikipedia: Schlagwort: Narr.

Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterPrint this pageShare on LinkedIn