Flashmob gegen den Weiterbau der A100 in Berlin

Ideo-Logien sind Erzählformen von Einfachheit

A100 Stoppen

Plakat der Initiative „A100 Stoppen“ gegen den Weiterbau einer Autobahn mitten in der Stadt Berlin.

Wer sich politisch engagieren will, braucht Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Wie gewinnt man diese? Mit einfachen Wahrheiten, welche sich auf Ja oder Nein reduzieren lassen.

Die jüngsten Erfolge vereinfachender Populisten, wie der von Donald Trump, einigen Mitgliedern der AfD, religiöser Hetzer u.s.w. belegen das populäre Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten. Zwar ist die Wahrheit niemals einfach, das Bedürfnis nach einer solchen Einfachheit ist aber da. Wo ein Bedürfnis ist, da ist auch ein Busch.

Also wird Wahrheit vereinfacht und – wer sehen kann der sehe, wer hören kann der höre – Ideologien, religiöse wie politische, werden wieder geboren, wenn sie denn je gestorben sind.

Das Erzählen von einfachen Geschichten, welche das Bedürfnis nach Wahrheit befriedigen, ist ein gutes Geschäft geworden. Einfache Lösungen für komplexe Probleme – das wird mit Ideologien beschrieben.

Ideo-logien sind logische Folgen, an deren Ursprung eine Idee steht: Ideo → Logos (λόγος). Ausgehend von meiner Auffassung vom λόγος als der Erzählform von wiederholbarem Erfahrungswissen, wird von Ideologien die logische Erzählform missbraucht, um Ideen, Vorstellungen, Glaubenssätze zu popularisieren. Auf der anderen Seite zeigt es das große Interesse an der Nutzung dieser Erzählform.

Im Unterschied zum Wikipedia-Eintrag sehe ich aber bei Ideologien nicht nur die Lehre vom Ursprung und dem Leben der Idee bzw. Vorstellung, sondern vor allem die Schlussfolge von der Idee auf das Handeln. Diese Ideen müssen sehr einfach sein: Es muss Gute geben und Böse, Feinde und Freunde, ich und die Anderen (Aliens, Fremde). „Böse“, Fremde und Feinde werden bekämpft – alle Mittel sind recht – „Gute“, Bekannte und Freunde sind das Objekt etwas größerer Komplexität.

Mehr als drei Kategorien können offensichtlich nicht erfasst werden. Das didaktische Prinzip des „magischen Dritten“ spielt hier hinein: „Ja“, „Nein“, „Ich“ – das ist das Dreieck ideologischen Handelns. Alles andere wird als unnötiges Verkomplizieren abgelehnt.

Auch die „sozialistische“ Ideologie war eine solche, trotz der marxschen Grundthese vom Primat des Seins über das Bewusstsein:

„Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (MarxZur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort, 1859, MEW 13, S. 9.)

– haben auch die sozialistischen Propagandisten, ja selbst Marx und Engels in ihrer politischen Wirklichkeit immer wieder das Primat der Idee, des Bewusstseins über das Sein zur Basis ihres Handelns gemacht. Ähnlich wie ein „Ungläubiger“ nach der Auffassung aller dieser Ideologen bestraft werden kann, konnte und musste jemand mit dem falschen Klassenstandpunkt, dem falschen Bewusstsein bestraft werden. Auch die Frankfurter Schule hat diese Denkweise weiter verfolgt.

Die Erforschung der Begründung menschlichen Handelns oder, genauer, des „Warum hast du das getan?“, ist Gegenstand der Philosophie seit dem Beginn philosophischen Denkens. Kenne ich das „Warum“, also die Logik, den λόγος des Handelns von Menschen, so ist die Hoffnung, habe ich die Macht über menschliches Handeln. Und diese Macht ist es, von der alle Politiker träumen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, wie komplex die Begründungszusammenhänge menschlichen Handelns sind, doch es ist eben nur eine Analyse, keine Synthese. Psychoanalyse ist so sehr oft zur Erforschung von Begründungszusammenhängen statt zur Erforschung von Gründen verkommen.

Die Synthese menschlichen Handelns, vor allem massenhaften menschlichen Handelns ist oft nur ideo-logisch. Oder:

wenn ich einen Menschen überzeugen möchte, brauche ich zwei Lebenszeiten und alles Wissen der Menschheit, bei zehn bis dreissig Menschen brauche ich ein Semster, bei 500 000 nur drei Worte.

Natürlich ist die Frage nach dem Sinn des Weiterbaus der A100 sehr komplex und nicht auf Ja oder Nein zu reduzieren. Für die politische Entscheidung, zum Beispiel bei der nächsten Wahl ist das Bekenntnis für oder gegen die A100 für mich jedoch entscheidend.

Für die philosophische Überlegung aber sind Ja und Nein nur Schritte auf dem Weg zur Erkenntnis. Die Frage in der Philosophie ist die nach dem rechten Weg: λόγος (Logos). Von Philosophen sollte man daher keine Bekenntnisse fordern, sondern Offenheit.

Zum Beispiel: Wer sagt uns, dass die A100 nur und immer für Autos da ist, vielleicht wird sie zur Fahrradbahn ausgebaut? Dann würde sich meine Meinung ändern.