Wörlitzer Park

Formelles Lernen ist ein Sonderfall

Zunächst: Worüber reden wir da eigentlich?

Die »Entdeckung« des unordentlich »informellen« Lernens durch Dewey 1899 ist natürlich eine romantische Antwort auf die Gewalt und Dominanzansprüche des formellen Lernens.

Formelles Lernen wird wohl überwiegend als staatlich anerkanntes Lernen (Vorschule, Schule, Berufsausbildung, akademische Ausbildung, berufliche und außerberufliche Weiterbildung, Volkshochschule) gesehen.

Informelles und nicht-formelles Lernen »rebelliert« dagegen. Daher finden wir auch alle Bildungsrebellen in der Front der Verteidiger nichtformellen Lernens.

Das nicht-|in-formelle Lernen erscheint so als Ausnahme, als unterschwellig, unter der Wahrnehmungsschwelle liegendes, geheimes, zu verteidigendes Lernen.

Dabei ist das formelle Lernen die Ausnahme, der Sonderfall.

Das naturwüchsige Bedürfnis, die natürliche Begabung zum Lernen, die allen Wesen, selbst Steinen innewohnt, in ideologische und religiöse, pragmatische und genehme, nützliche und sinnvolle (wessen Sinn?) Bahnen zu lenken, ist das Ziel jeder Formalisierung von Bildung. Diese nichtet, negiert dazu zunächst die anderen als nicht- und in-formelle Weisen des Lernens, drückt sie unter die Wasseroberfläche der öffentlichen Anerkennung. Für »informelles« Lernen gibt es keine Zertifikate, Zeugnisse und Diplome. Die Formierung des Lernprozesses über die Institutionen aber ist eine Reduktion, eine Fokussierung, eine Ordnung, ein Beschneiden, ein Orientieren.

Als Negation dieser Negation erscheinen dann früher oder später Elemente des naturwüchsigen Lernens als nicht-|in-formelles Lernen, als „Neue Lernkultur“.

Nun, Gärten sind schön und es gibt verschiedene Formen davon.

Das nicht-|in-formelle Lernen zu verteidigen, ist etwa dasselbe, als die Natur gegen die Gärten zu verteidigen. Die chinesischen Mauern der industriellen Formierungen des Lernens dienen natürlich der Gelderwirtschaftung, Monetarisierung und der Ideologisierung, also dem Machterhalt.

Schon der Begriff der »nicht-» oder »in-» formellen Bildung ist ideologisch, weil er dieser Form der Bildung unterstellt, keine Form zu haben. Das ist in etwa dasselbe, wie der Wildnis vorzuwerfen, dass sie kein Garten ist, sie dann in Form des englischen Gartens wiedererstehen zulassen, diesmal aber als beherrschbare Kulturlandschaft mit Eintritt. Hier folge ich Dewey.

Beide Begriffe sind ein philosophischer Unsinn, weil es keinen Inhalt ohne Form gibt, daran ändert auch die Definition von Kirchhöfer nichts, ja sie ist sogar ein Symptom für die Nicht-Selbst-Verständlichkeit dieses Begriffes. Der traditionelle Philosophenfehler, das Unterschiedene zu trennen und alleine denken zu wollen, führt auch hier zu komischen Verwicklungen und verzweifelten Definitionsversuchen.

So wie Arbeit nach Hegel »gehemmte Begierde« ist, »aufgehaltenes Verschwinden«, ist formelles Lernen gehemmtes Lernen, aufgehaltenes Verschwinden – es bildet (formt nach einem ideo-logischen Bilde).

»Weiter-«bildung ist also eine Tautologie. Es gibt nichts anderes als permanentes Lernen. Lernen endet erst mit dem Tod. Die Leute machen das sowieso, ohne Institution, ohne Format, ohne Monetarisierung. Weiter- »bildung« ist da als Begriff schon ehrlicher, weil hier die ideologische Zwecksetzung wenigstens nicht verborgen wird.

Das gefällt aber weder dem Machtapparat, wegen der verlorengehenden Ideologisierungsmöglichkeiten:

noch den Monetarisierern, weil hier weder Lehrer noch Institutionen verdienen können:

  • Das »Urheberrecht« wird verletzt! Gemeint wird natürlich das Verwertungsrecht, das Monetarisierungsmonopol – McLuhan datiert »The idea of copyright–“the exclusive right to reproduce, publish, and sell the matter and form of a literary or artistic work“–was born.« auf die Erfindung des Buchdrucks,
  • »Halbwissen« wird verbreitet! Als wenn wir alle aus den Schulen mit der Berufsbildungsfähigkeit und aus Universitäten mit Vollwissen herauskommen würden!

Was manche wohl suchen, sind neue Formierungen von Lernprozessen nach den anderen formierten Lernprozessen. Dieses »Neue Format«, wie man im Fernsehen sagt, bietet neue Quellen zur Monetarisierung und Ideologisierung und man will und soll es nicht dem Wildwuchs, dem Dschungel überlassen. Es geht um einen neuen Markt, der am Besten die naturwüchsigen Produkte „kultivieren“ soll.

Nur, dann soll man es auch so sagen.

Wenn Forderungen aufgestellt werden nach neuen Kultivierungsformen des Lernens (neue Lernkulturen), ist das die Forderung nach neuen Gartenformen, neuen Blumentöpfen.

Der Gegner ist nicht das informelle und nicht das nichtformelle Lernen. Hier folge ich Dewey nicht. Diese Begriffe dienen nur zur Diskreditierung, zur Beschimpfung der natürlichen Lernprozesse, so wie die Worte Wilde, Wildnis, Vorgeschichte, Entdeckung. So wie Amerika nicht entdeckt, sondern erobert wurde, so wird das Lernen nicht formiert, sondern umformiert, neu erobert.

Die Gegner sind die Vertreter der „alten“ Lernkulturen, der alten Märkte, also wahrscheinlich „die Lehrer“. Die haben das natürlich schon lange gemerkt und Christoph Türcke  hat es aufgeschrieben.